Energiegenossenschaft Darmstadt-Dieburg: Bezahlbarer Wohnraum und Energie

Stichworte: Nahwärme, Quartierkonzept, Kooperation, Wohnungsgenossenschaft

Bezahlbare und barrierefreie Wohnungen für das Leben im Alter. Die GeWoBau Wohnungsbaugenossenschaft in Pfungstadt kooperiert dabei mit der Energiegenossenschaft Darmstadt-Dieburg (E-GO).

Es begann mit dem Blick 20 Jahre nach vorne. Die Pfungstädter Wohnungsbaugenossenschaft GeWoBau, eine Selbsthilfeeinrichtung mit 840 Mitgliedern, machte für alle Liegenschaften eine betriebswirtschaftliche Auswertung und berücksichtigte dabei die zukünftig steigenden Energiekosten. Das Ergebnis: „Ein Drittel des Bestandes muss abgerissen werden“, so Harald Polster, Vorstand der GeWoBau. Es lohne nicht mehr, aus KfW-Programmen Geld in diese Gebäude zu stecken. Zwei Drittel der Wohneinheiten, die nach den Vorgaben der 90er Jahre modernisiert sind, müssen energetisch weiter verbessert werden.

Als erstes Projekt wurde 2008 das Gebäude in der Goethestraße 80 zum „Null-Heizkosten-Haus“ modernisiert. Die Kaltmiete lag im Schnitt bei fünf Euro/Quadratmeter, die Heizkosten bei zuletzt 1,50 Euro – Tendenz ständig steigend. Durch die Dämmung der Gebäudehülle, den Einbau 3-fachverglaster Fenster, einer dezentralen Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung verringerte sich der Energie-Verbrauch nach dem Umbau 2008 um 86 Prozent. Die Mieter bezahlten keine Heizkosten, sondern eine feste Warmmiete, die für fünf Jahre fest bei 7,50 Euro/qm lag.

2009 und 2010 wurden fünf Häuser in der Goethestraße Stück für Stück abgerissen. Sie waren mit Treppen und kleinen Bädern nicht altengerecht, energetisch in schlechtem Zustand und verbrauchten mit Gas-Einzelöfen umgerechnet 41l Heizöl im Jahr pro Quadratmeter. Waren es im alten Bestand noch 45 Wohnungen, sind nach dem Neubau mittlerweile 72 Wohnungen entstanden. Die alten Mieter zogen auch in die neuen Wohnungen.

Die Neubauten sind energetisch vorbildliche 31 Häuser. Sie haben keine eigene Heizung, sondern sind an eine „Energiekabine“ angeschlossen, eine zentrale Pelletheizung mit einem 300 Kwh-Pelletkessel und einen 285 kW Erdgasbrennwertkessel um Spitzen abzufangen, der die 72 neuen und 24 Bestandswohnungen versorgen kann. Allein für die neuen 31-Häuser würde sich die „Energiekabine“ wohl nicht rechnen, doch gleichzeitig werden in den bestehenden Gebäuden der GeWoBau in der Goethestraße die Heizungen herausgenommen und von der „Energiekabine“ mit Wärme und Warmwasser versorgt.

Nach der Energiekabine in der Goethestraße realisierte die GeWoBau 2016 ein zweites Nahwärmenetz in der Müller-Guttenbrunn-Straße, zusammen mit ihrer Tochter Pfungstädter Eigene Energie GmbH (PEE GmbH) und der Energie-Genossenschaft Darmstadt-Dieburg (E-GO). Die GeWoBau übernimmt hat dabei die Modernisierungsplanung übernommen und die private Nachbarschaft im Quartier informell mit einbezogen. Die E-GO finanziert Planung und Eigenkapitalausstattung der Energiekabinen im Quartier. Die PEE schließlich plant, baut und betreibt Energieanlagen im Quartier. Alle Bürgerinnen und Bürger (Nachbarn, Kommune usw.) können Mitglied der EGO werden.

100 veraltete Etagenheizungen, Kombigeräte, Durchlauferhitzer, Kohleöfen und Heizkessel konnten ersetzt werden. Mit der Energiekabine, die Anfang 2017 ans Netz ging und mit Holzpellets betrieben wird, können mehr als 100 Einheiten in ihrer Umgebung mit Wärme und Brauchwasser versorgt werden. „Das reduziert drastisch den Verbrauch und die Kosten für Energie“, so Harald Polster. Zusätzlich können an das Nahwärmenetz knapp 50 Wohneinheiten in der Weserstraße 3-5 sowie das Einkaufszentrum am Südring angeschlossen werden. Die Investition des Bauherrn PEE GmbH beläuft sich auf über 800 000 Euro. Die Energiegenossenschaft trägt dazu 126 000 Euro bei, der Rest wird über die Bank finanziert.

Derzeit planen die drei Partner GeWoBau, Pfungstädter Eigene Energie GmbH (PEE GmbH) und Energie-Genossenschaft Darmstadt-Dieburg (E-GO). die dritte Energiekabine im Pfungstädter Dörfchen Nord für 60 Wohnungen. Für Vorstand Harald Polster ist das Modell Energiekabine in genossenschaftlicher Trägerschaft ein Beispiel für erfolgreiches bürgerschaftliches Handeln in Pfungstadt, das ohne öffentliche Förderung ermöglicht werde und wirtschaftlich erfolgreich funktioniere. „Durch die gleichzeitige Bestandsmodernisierung der GeWoBau und die Einbeziehung der Energieversorgung im Quartier werden dramatische Verbesserungen in der Gebäudeeffizienz erreicht.“

Hürden und Risiken

Die Risiken bei einem Projekt in einem solchen Maßstab sind nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale. So kann einerseits durch falsche Planung ein unwirtschaftliches Wärmenetz entstehen. Andererseits können Unstimmigkeiten im Quartier Folge schlechter Kommunikation oder zu geringer Akzeptanz sein.

Die Wirtschaftlichkeit eines Nahwärmenetzes kann erreicht werden, wenn eine ausreichende Anzahl an Gebäuden angeschlossen wird. Bei den Heizungserneuerungen in den Liegenschaften der GeWoBau war genug Potential vorhanden, da die anliegenden Wohnungen noch durch eigene Thermen mit Heizung und Warmwasser versorgt wurden.

Die größte Hürde bei der Verwirklichung des Nahwärmenetzes bestand darin, Akzeptanz nicht nur bei den Nutzern sondern auch in der Nachbarschaft zu schaffen. Durch die guten Erfahrungen mit Nahwärme in der Goethestraße waren alle in den Häusern der GeWoBau lebenden Mitglieder von dem Konzept schnell überzeugt und daher bereit ihre Wärme zukünftig aus der Energiekabine zu beziehen. Um eventuelle Streitigkeiten zu vermeiden wurde der Dialog mit den Anwohnern gesucht. Mittels gezielter Kommunikation und Aufklärung konnten alle im Quartier lebenden Menschen vom Bau der Energiekabine überzeugt werden. Denn auch für die Nachbarschaft besteht die Möglichkeit in naher Zukunft an das Nahwärmenetz angeschlossen zu werden.

Ein gutes Zusammenleben im Quartier sollte nicht durch den Bau eines neuen Gebäudes gefährdet werden.

Weitere Hürden bestanden darin, dass die bestehenden Grundstücke neu parzelliert werden mussten und die Rohre des Nahwärmenetzes auch unter versiegelten Flächen sowie öffentlichen Grundstücken verlegt werden musste.

Erfolgsfaktoren

Die Realisierung des Nahwärmenetzes war nur durch die gute Zusammenarbeit mit der Gemeinde Pfungstadt sowie der Kooperation der Energiegenossenschaft Darmstadt-Dieburg, der Pfungstädter Eigenen Energie, der Starkenburg-BauConsult und der GeWoBau Pfungstadt möglich.

Die angeschlossenen Gebäude, sowie das Grundstück, auf dem die Energiekabine errichtet wurde, sind Eigentum der GeWoBau Pfungstadt und stellen mit der veralteten dezentralen Wärmeversorgung eine gute Grundlage für das Projekt dar. 

Ein weiterer Erfolgsfaktor für den Bau des Nahwärmenetzes waren die Erfahrungen sowie die positiv Resonanz beim Nahwärmenetz in der Goethestraße.

Technische Details
Jahreswärmebedarf 1.500.000 kWh/a
2 x 300 kW Pellet Heizkessel KWB TDS 300
3 x 5000 Liter Pufferspeicher KWB EMPA Eco
270 Meter Fernwärmenetz
25t Holzpelletsbunker
226 t/a CO2 Ersparnis nach Anbindung aller Liegenschaften an das Nahwärmenetz

Material und Fotos

Bericht im Darmstädter Echo 

Vortrag Harald Polster auf dem Bundeskongress genossenschaftliche Energiewende 2017

Ansprechpartner für Fragen
Energiegenossenschaft Darmstadt-Dieburg (E-GO)
Goethestr. 80a, 64319 Pfungstadt
Tel. Nr. 06157 95890-10
Harald Polster
h.polster@nospamgewobau-pfungstadt.de
h.polster@ego-da-di.de
www.ego-da-di.de
www.gewobau-pfungstadt.de

Stand: Juli 2017 

 

 

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