Mieterstrommodell der BürgerEnergieGenossenschaft in Neustadt-Mittelhaardt e.G.

Stichworte: Mieterstrom, PV-Direktverbrauch, Kooperation, Wohnungsbaugesellschaft, Stadtwerke

Die BEGiN hat drei PV-Anlagen nebst entsprechender Infrastruktur errichtet, um 54 Verbrauchsstellen (48 Mieter und 6x Allgemeinstrom) in 6 Wohnblocks der Wohnungsbaugesellschaft Neustadt versorgen zu können.

Durch die immer weiter sinkende Einspeisevergütung nach dem EEG 2014 galt es, Mittel und Wege zu finden, von der reinen Netzeinspeisung neu zu errichtender PV-Anlagen weg zu kommen.

Das Mieterstrommodell bietet die Chance, den Eigenverbrauch des von PV-Anlagen erzeugten Stroms zu steigern. Gleichzeitig können Teile der EEG-Umlagen, von denen der Mieterstrom befreit ist, als Kostenvorteil beim Bezug von Grünstrom an die Kunden weiter gegeben werden. Das Modell wurde von der Heidelberger Energiegenossenschaft (HEG) entwickelt und mit den regionalen Energieversorgern abgestimmt. Somit war bereits eine technisch anerkannte Basis für das Mieterstrommodell gegeben.

Für das Mieterstrommodell wurden in Neustadt an der Weinstraße im Stadtbereich Branchweiler 6 Wohnblocks zu je 8 Wohneinheiten (WE)  ausgewählt. Die Stromerzeugung erfolgt mit drei Photovoltaik-Anlagen à 25 kWp. Eine PV-Anlage versorgt immer zwei Wohnblocks mit 16 WE. Die Belegung der PV-Module erfolgte auf den nach Süden ausgerichteten Dachhälften der Wohnblocks.  Ziel war es, die Mieter der Wohnblocks mit möglichst kostengünstigem Grünstrom aus den PV-Anlagen direkt zu versorgen

Bei der Umsetzung des Projekts gibt es drei wichtige Partner:

  • Die Wohnungsbaugesellschaft (WBG) als Eigentümerin der ausgewählten Wohnblocks
  • Die örtlichen Stadtwerke als Netzbetreiber und lokaler Versorger
  • der Solateur als Errichter der gesamten Anlage einschl. neuer AC-Installation

Mit der Wohnungsbaugesellschaft hat die BEGiN entsprechende Nutzungsverträge und Grunddienstbarkeiten für den Betrieb der PV-Anlagen abgeschlossen. Die Nutzung der Dachflächen ist mietfrei.

Die Errichtung der PV-Anlagen sowie die Elektro-Installation für den Bezug von Mieterstrom erfolgten in Abstimmung mit der WBG im Rahmen der energetischen Sanierung der Wohnanlagen. Dadurch konnten weitere Nebenkosten (z.B. für Gerüst) zum Errichten der PV-Anlagen eingespart werden. Die Kabeltrassen für die Netzeinspeisung und die Datenkommunikation der PV-Anlagen konnten auf der Fassade unter der danach aufgebrachten Dämmung kostengünstig verlegt werden. Die drei PV-Anlagen sind im III. Quartal 2015 ans Netz gegangen.

Zum Bezug des Mieterstroms veröffentlichte die Energiegenossenschaft eine Presseveröffentlichung und machte Haustürbesuche mit Infomaterialien. Leider ist die Akzeptanz zum Bezug des Stroms vom eigenen Dach (= Mieterstrom) bisher bei den 54 möglichen Verbrauchskunden noch recht gering. Bisher konnten lediglich sieben Verbrauchsstellen für den Bezug des Mieterstroms vom eigenen Dach gewonnen werden. Obwohl die meisten Kunden gar nicht wissen, was sie für ihren Strom bezahlen, scheuen sie einen Wechsel. Viele haben regelrecht Angst davor. Hinzu kommen sprachliche Barrieren der Kunden (russisch, türkisch). Technische Fragen aus Sicht eines Laien waren bei den Haustürbesuchen keine Seltenheit; so z.B.: Ich brauche doch abends Strom, aber da erzeugt die PV-Anlage ja keinen Strom. Sitze ich dann im Dunkeln? Die Erläuterung der technischen Zusammenhänge ist da oft schwierig, zeitaufwändig und stößt zudem oft auf Verständnisprobleme.

Hürden und Risiken

Die administrative Abwicklung der Formalitäten mit dem Hauptzollamt Saarbrücken erforderte einen langen Atem und viel Geduld.

Die Zusammenfassung von zwei Wohnblocks zu einem Verbraucherbereich für Mieterstrom erforderte den Einbau von Hausanschlusskästen (HAK)  mit einer größeren Absicherung (hier: 125A) eingebaut werden.

Die Uminstallation der Hausversorgung (3x Querverkabelung von einem Wohnblock zum Nachbarhaus) musste auf Kosten der BEGiN erfolgen.

Die Genossenschaft wird durch das Konstrukt Mieterstrom zum Energielieferanten. Das Inkasso obliegt daher auch der BEGiN eG. Bei größerem Umfang erfordert dies auch entsprechende administrative Kapazitäten bei der Genossenschaft. Diese müssen in Abhängigkeit von der Kundengewinnung nachgesteuert werden.

Die BEGiN brauchte einen soliden Partner für die Reststrombelieferung in Form echten Grünstroms. Dies löste die Genossenschaft durch einen Kontrakt mit den Stadtwerken Neustadt, welche die Belieferung mit Strom aus Wasserkraft sicherstellen.

Mit dem lokalen Netzbetreiber Stadtwerke Neustadt (SWN) musste ein abrechnungsfähiges Verfahren zum Gesamtbezug und für den Kundenwechsel abgesprochen werden. Ohne kooperative Zusammenarbeit mit dem Netzbetreiber sind hier hohe Hürden zu erwarten. Probleme bereitet hier, dass die derzeitigen IV-Systeme der Versorger dies noch nicht beherrschen. Es muss daher ein manueller Abrechnungsmodus via Excel-Tabellen mit entsprechend hinterlegten Formeln gefunden werden. Bei noch geringer Kundenzahl ist dies unproblematisch.

Erfolgsfaktoren

Die Kalkulation für die Errichtung der PV-Anlagen erfolgte ohne zwingende Berücksichtigung der besseren Rentabilität bei Abgabe von Mieterstrom (worst case).

Für die Teilnahme der 48 möglichen Kunden muss die Infrastruktur (Zähler und Verkabelung) vorhanden sein und die Infrastruktur muss allen Bezugsmöglichkeiten der Kunden gerecht werden. Hierzu wurden aus den bisherigen Kundenzählern nachgelagerte virtuelle Zählpunkte, um für alle Belieferungsarten die bilanzielle Abrechnung sicherstellen zu können.

Die Zählerinfrastruktur besteht aus den bisherigen Zählern der Kunden/Verbraucher, dem Einspeisezähler der PV-Anlage und dem 4-Quadranten-Zähler am Netzübergabepunkt (Hauseinspeisung).

Das Mieterstrommodell hat bei den Stadtwerken Neustadt als unserem Partner ein hohes Interesse geweckt. So statten die SWN 2016 weitere Dächer von Wohnblocks der WBG im näheren Umfeld mit eigenen PV-Anlagen für das Mieterstrommodell aus. Die Dächer haben Ost-West-Ausrichtung und nicht die gleiche Ertragssituation wie die PV-Anlagen des Mieterstrommodells der BEGiN eG. Diese Projekte zeigen, so die Genossenschaft, dass Mieterstrommodelle beim weiteren Zubau mit PV-Anlagen in einem schwierigen Marktumfeld möglich sind.

Material und Fotos

BEGiN-Infobrief Mieterstrom

Informationen zum Projekt auf der Website: http://www.begin-eg.de/projekte/pv-anlagen-in-der-branchweilerhofstr-in-neustadtweinstr/

Ansprechpartner für Rückfragen

BEGiN BürgerEnergieGenossenschaft in Neustadt – Mittelhaardt e.G.
c/o Volksbank Kur- und Rheinpfalz
Hohenzollernstr. 2
67433 Neustadt/Weinstraße
Jutta Paulus: jutta.paulus@begin-eg.de, Tel.: 06321-929424
Michael Bub: michael.bub@begin-eg.de, Tel.: 06327-1234

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