06. Januar 2015

“Wir brauchen Ideen für unterschiedliche Energiebedürfnisse der Menschen”

Genossenschaften sind populär in Kenia, doch nicht im Bereich Energie. Das will die Anwältin und Wissenschaftlerin Yvonne Waweru ändern.

Wie sind Sie auf das Thema Energiegenossenschaften gekommen?

Als Wissenschaftlerin weiß ich, wie wichtig es ist, zu den Themen Innovation und Entwicklung zu forschen. Kenia macht eine gute Politik auf der Makroebene, um Erneuerbare Energien voranzubringen. Aber das löst nicht gleichzeitig lokale Energieprobleme – dort brauchen wir dringend gute Lösungen. Energiegenossenschaften bieten hier einen Bottom-up-Ansatz für den Zugang zur Energie.

Woher kommt die Energie zurzeit?

Etwa 68 Prozent der Primärenergie kommt aus Biomasse, also Holzkohle oder Holz als Brennstoff, hauptsächlich in den ländlichen Gebieten. Die Stromerzeugung ist sehr stark abhängig von Wasserkraft (mehr als 50 Prozent), während fossile Brennstoffen ein Drittel des Energiebedarfs decken. Geothermie macht 13,2 Prozent aus, Wind nur 0,4 Prozent. 

Welche Lösungen braucht Kenia im Energiesektor?

Die zentralen Herausforderungen sind hohe Kosten und die unzureichende Versorgung.  Lediglich 30 Prozent der Bevölkerung sind an das Stromnetz angeschlossen. Die Regierung will die Stromtarife um 47 Prozent senken und hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis 2030 die gesamte Bevölkerung an das Stromnetz angeschlossen ist.  Die Versorgung mit Erneuerbaren Energien soll durch geothermische Energie gesteigert werden.

Gleichzeitig hat Kenia ein großes Potential an Erneuerbaren Energiequellen wie Sonne, Wind und Wasser. Dies erlaubt entwicklungsfähige Lösungen, um den Netzzugang zu annehmbaren Preisen zu steigern, wo es keinen elektrischen Strom gibt. Meine Überzeugung ist, dass das Geschäftsmodell Energiegenossenschaften hier viele Chancen bietet. Genossenschaften können Menschen zu sozialen Unternehmen für Erneuerbare Energien zusammenbringen.

Sind Genossenschaften in Kenia populär?

Ja. Etwa 63 Prozent der Bevölkerung hängen für ihren Lebensunterhalt direkt oder indirekt von Genossenschaften ab. Es gibt 15.000 eingetragene Genossenschaften in den Bereichen Landwirtschaft, Finanzen und Verkehr. Kenia hat laut International Co-operative Alliance (ICA) die höchste Zahl an Genossenschaften in Afrika und ist weltweit auf Platz sieben. Trotz dieser kraftvollen Genossenschaftsbewegung gibt es noch keine Modelle von Genossenschaften im Energiesektor.

Was sind Ihre Ideen für Geschäftsmodelle von Energiegenossenschaften?

Wir brauchen Ideen für unterschiedliche Energiebedürfnisse der Menschen. Auf Basis meiner Forschung sehe ich entlang der Wertschöpfungskette von Produktion, Übertragung und Energieversorgung verschiedene Ebenen für Energiegenossenschaften. In Kenia sind die Einkommen in einigen  Gegenden sehr niedrig, in anderen wiederum höher. Entsprechend ist der Bedarf an Energie sehr unterschiedlich. Dann ist zu bewerten, welche Quellen an Erneuerbaren Energien verfügbar sind, wie die Energie-Infrastruktur ist. Dann lassen sich passende Modelle von Energiegenossenschaften entwickeln, die bei den jeweiligen Ausgangsbedingungen funktionieren.

In abgelegenen Gebieten brauchen wir Lösungen für die Beleuchtung, um Kerosin abzulösen. Wir haben Gebiete, die Hybrid Mini-Netze als Lösung einführen können, zum Beispiel mit Solarenergie und Diesel. Und dann gibt es Gegenden, die Stromlieferungs-Genossenschaften brauchen, weil sie nahe am Stromnetz sind  und einen Anschluss an das Netz brauchen.

Es gibt außerdem einen Einspeisetarif für Wind, Biomasse, kleine Wasserkraftwerke, Geothermie, Biogas und Solarenergie (grid und Off-grid). Strom aus Erneuerbaren Energien zu erzeugen und ins Netz einzuspeisen, könnte auch ein Modell für Genossenschaften sein. 

Was sind Ihrer Meinung nach die ersten Schritte?

Bevor ich im Oktober nach Deutschland gekommen bin, habe ich einige Landwirte in Kiambu County  unterstützt, eine Biogas-Genossenschaft zu gründen. Jeder Haushalt auf den kleinen Bauernhöfen besitzt mindestens zwei Kühe. Sie nutzen bisher Holz, Holzkohle oder Flüssiggas und können zukünftig Biogaskocher zum Kochen verwenden. Dieses Projekt ist zusammen mit einer deutschen Nichtregierungs-Organisation entwickelt worden, mit einer Biogastechnologie aus Indien, die etwa 950 Euro kostet. Die Genossenschaft erstellt die Kleinbiogasanlage. Die Mitglieder legen zur Finanzierung Geld zu zinsgünstigen Darlehen an, etwa 45 Euro pro Monat über 24 Monate. Das ist der durchschnittliche Betrag, den sie jeden Monat für Holz, Holzkohle oder Flüssiggas ausgeben.

Ein anderer Startpunkt ist eine LED-Lösung in abgelegenen Gegenden ohne Strom. Ich hoffe, dass ich dafür eine deutsche PV-Lösung  nutzen kann.  Es ist ein Solar-Panel, das den erzeugten Strom in einer großen Batterie speichert. Diese lädt kleine Batterien für LED-Lampen auf. Die Genossenschaft – man braucht laut  kenianischem Gesetz mindestens zehn Personen – wäre im Eigentum  des Solarpanels und der großen Batterie. Jedes Mitglied der Genossenschaft würde eine kleine Batterie und die LED-Lampe besitzen. Die Mitglieder bezahlen dann eine kleine Summe an die Genossenschaft, wenn sie ihre Batterien laden. Das macht wirtschaftlich Sinn, denn die Familien geben viel Geld für Kerosin aus.

Was ist in den Gegenden wichtig, die schon ans Netz angeschlossen sind?

In den Stäten und ihrer Peripherie haben wir etwa 60 Prozent Elektrifizierung. Hier machen Genossenschaften Sinn für die Menschen, die sich nicht den Netzanschluss von ungefähr 400 Dollar leisten können. Die Genossenschaft würde dann die Leitung besitzen, über die Strom an die Mitglieder geliefert wird.  Zudem wird im kenianischen Parlament gerade ein Gesetzentwurf beraten, der Net-Metering erlaubt. Das macht Modelle wie das der Heidelberger Energiegenossenschaft möglich: Die Genossenschaft baut eine PV-Anlage,  der Strom wird direkt verbraucht und die überschüssige Energie ins Netz eingespeist.

Ist es schwierig die Menschen zu überzeugen?

Die Landwirte der Biogas-Genossenschaft, die ich bei der Gründung unterstützte, waren leicht zu überzeugen. Die meisten von ihnen sind schon Mitglieder von Milchvermarktungs-Genossenschaften und haben in kleinem Umfang Milchwirtschaft betrieben.

Die Idee von Energiegenossenschaften ist noch sehr neu in Entwicklungsländern, vielleicht weil Energie und Energieprojekte oft kapitalintensiv sind. Außerdem dominiert der Staat in der Energieproduktion, -distribution und  -versorgung. Deshalb ist es eine Herausforderung, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie am Energiesektor partizipieren können.  In einigen Kulturen wird es schwer werden die Menschen davon zu überzeugen, sich in einer Genossenschaft zusammenschließen, weil es dort keine Kultur des Sparens gibt. Trotzdem werden wir mit Werbung, Öffentlichkeitsarbeit und Kompetenzaufbau diese Barrieren abbauen.

Was werden Sie nach Ihrer Rückkehr nach Kenia tun?

Wenn ich Ende Dezember nach Kenia zurückkehre, will ich eine Beleuchtungs-Lösung in einer Gemeinschaft ohne Elektrizität starten.  Ich habe schon eine Gemeinschaft dafür im Kopf. Doch wir brauchen auch eine institutionelle Struktur, um die Idee der Energiegenossenschaften weiter zu entwickeln. Es gibt einen neuen Treuhandfonds in Kenia, der als Dachorganisation für Genossenschaften fungieren könnte. Dort werde ich für das Modell werben

Was für einen Eindruck haben Sie von der Energiewende in Deutschland?

Deutschland ist sehr mutig und demonstriert damit seine Verpflichtung, die Treibhausgase zu reduzieren. Die Energiewende zeigt, dass ein industrialisiertes Land einen hohen Level an Entwicklung durch die Erneuerbaren Energien erzielen kann. Dies ist zudem eine Chance für Innovation, Forschung und bringt neue Arbeitsplätze Mit dem Umbau des Energiesystems zu 80 Prozent-Erneuerbar im Jahr 2050 kann Deutschland eine führende Position einnehmen und gleichzeitig ein Modell für die Energiewende in anderen Ländern zu sein.

Yvonne Waweru aus Kenia ist Anwältin und Wissenschaftlerin. Sie kam im Oktober 2014 für drei Monate nach Deutschland, um  beim Potsdam Institut (Institute for Advanced Sustainability Studies e.V. IASS)  zum Thema Energiegenossenschaften zu forschen. Drei Wochen lang war sie deshalb auch beim Landesnetzwerk Bürgerenergiegenossenschaften Rheinland-Pfalz e. V. und der Energieagentur in Rheinland-Pfalz. 2010 studierte sie an der TU Dresden Umweltmanagement und lernte Energiegenossenschaften kennen.

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