28. März 2015

Energieeffizienz: Den schlafenden Riesen wecken

Das Projekt "Regionale EnergieEffizienzGenossenschaften" will Energieeffizienz als Geschäftsmodell voranbringen. Wie zukunftsträchtig ist das für Genossenschaften?

© Kovtoniuk /123RF

Energieeffizienz könne neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien zur zweiten Säule der Energiewende werden, sagt Herbert Köpnick, Leiter des Pilotprojektes "Regionale EnergieEffizienzGenossenschaften (REEG)" auf dem Bundeskongress genossenschaftliche Energiewende in Berlin Anfang Februar optimistisch. Ein Pilotprojekt des bundesdeutschen Arbeitskreises für umweltbewusstes Management (B.A.U.M. e.V.) – gefördert durch das Bundesumweltministerium – will dazu beitragen, dass der „schlafende Riese“ Energieeffizienz geweckt wird. In drei Pilotkommunen – dem Kreis Berchtesgadener Land sowie den Städten Aachen und Norderstedt werden dafür EnergieEffizienzGenossenschaften gegründet und etabliert.

Die Idee: Alle gesellschaftlichen Kräfte einbinden

Die REEG sollen möglichst viele Energieeffizienz-Maßnahmen initiieren und realisieren. Die Genossenschaften agieren operativ: Sie planen, finanzieren, errichten und betreiben (optional) Energieeffizienz-Anlagen. Die erwirtschafteten Leistungen der REEG werden an die Mitglieder bzw. Kapitalgeber in Form einer Dividende bzw. Verzinsung weitergegeben. Das Projekt REEG rechnet mit Renditen zwischen vier und sechs Prozent.

„Als Träger der Genossenschaften wollen wir alle gesellschaftlichen Kräfte einbinden“, sagt Herbert Köpnick, „also Kommune(n)/öffentliche Einrichtungen, Kammern, Kirchen, Stadtwerke, Unternehmen, Bürgerverbände und Privatpersonen.“ Damit sind gleichzeitig die potentiellen Contracting-Partner Mitglieder der Genossenschaft.

Einspar-Contracting (ESC) – das Geschäftsmodell

Das Pilotprojekt fokussiert auf das Geschäftsfeld Performance-Contracting oder Energie-Einspar-Contracting. Fehlendes Know-how über effiziente Technologien, Zeit und Geld seien die größten Hürden bei der Nutzung Effizienzpotentiale, so Herbert Köpnick. Kommunen haben oft kein Budget, um die Investitionen zu finanzieren. Unternehmen haben ihre Kreditlinien ausgeschöpft oder kalkulieren mit knappen Amortisationszeiten.

Hier setzt die Genossenschaft an: Sie liefert energieeffiziente Lösungen nach Stand der Technik und die notwendige Finanzierung. Die Genossenschaft verkauft als Contractor ein Energiesparkonzept mit verbindlicher Einspargarantie und refinanziert das Projekt aus den Einsparungen. Für den Kunden sollen die Maßnahmen budget- bzw. kostenneutral sein. Im Konzept der REEG werden der Genossenschaft lediglich 50-90% der jährlichen Einsparungen überlassen, bis die Investitionskosten zurückgezahlt sind. Die Nutzer sollen von Anfang an von den Einsparungen profitieren.

Ein Beispiel: Die Die B.A.U.M. Zukunftsgenossenschaft eG hat in einer niedersächsischen Kommune die 30 Jahre alte Beleuchtungstechnik einer Tiefgarage (24 Stunden ohne Bewegungsmelder) auf Longlife Energy Saver mit Bewegungsmeldern umgerüstet. Die Kommune spart 80.000 kWh pro Jahr. Die Amortisationszeit des Projekts mit einem Investitionsvolumen von 105.000 Euro beträgt fünf Jahre.

Feld mit Zukunft für Genossenschaften

Rene Groß von der Bundesgeschäftsstelle Bürgerenergiegenossenschaften in Berlin hält die Energieeffizienz für ein „interessantes Feld mit Zukunft für Energiegenossenschaften, das ein hohes Innovationspotential hat und auch wirtschaftlich interessant ist.“

Allein in Nordrhein-Westfalen eignen sich schätzungsweise 20.000 öffentliche Gebäude für Contracting-Modelle: Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Sportstätten, Verwaltungs- und Betriebsgebäude, Museen, Theater und so weiter, so die EnergieAgentur.NRW. Über die Hälfte der Straßenbeleuchtungsanlagen in Deutschland sind laut Zahlen der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena) modernisierungsbedürftig.

Bürgerbeteiligungsmodelle sind beim Contracting jedoch noch unterrepräsentiert. Energieeffiziente Beleuchtung steht bei den genossenschaftlichen Einspar-Contracting-Projekten an erster Stelle. Daneben gibt es Projekte zu energieeffizienter Lüftung, Wärme- und Kältetechnik bis hin zu Spannungsreglern.

„Energieeffizienz-Projekte sind fachlich schwieriger als PV-Lösungen mit Einspeisevergütung – man muss sich fachlich reinarbeiten“, so Rene Groß. Der Contractor muss eine Grobanalyse der Stromeinsparung machen, und dafür u.a. die Strom, Wartungs- und Reparaturkosten der Anlagen der letzten Jahre analysieren, bestehende Wartungsverträge und das Alter der Anlagen einbeziehen. Er muss Wartungs- und Instandhaltungskosten kalkulieren, um ein valides Angebot mit garantierter Einspeisegarantie machen zu können. Er muss Angebote von externen Dienstleistern einholen für die praktische Umsetzung der Maßnahme usw. Auch hier gilt wie bei allen genossenschaftlichen Projekten, dass der Gewinn für die Genossenschaft umso höher ist, je mehr sie in eigener Regie leistet.

Das Konzept der REEG erfordere hauptamtliche Mitarbeiter, die das Knowhow und die Zeit haben, Projekte zu akquirieren und zu realisieren, so Herbert Köpnick. Ob und wie die Pilotprojekte das realisieren können, bleibt eine spannende Frage. Für BürgerEnergiegenossenschaften, die Energieeffizienz als zusätzliches Geschäftsfeld etablieren wollen, bleibt die Hürde des ehrenamtlichen Engagements. Die Genossenschaft braucht Personen, die sich fachlich einarbeiten, akquirieren, die Projekte finanzieren und auf den Weg bringen. Dietmar von Blittersdorff vom Netzwerk Energiewende jetzt zeigt sich skeptisch. „Schon der Aufwand für die Projektakquise ist aus unserer Erfahrung sehr hoch. Man muss Klinkenputzen bei Kommunen, Vereinen und Firmen.“

Kommunen als Partner?

Für René Groß sind Kommunen und öffentliche Einrichtungen der „natürliche Partner“ von Genossenschaften beim Einspar-Contracting. Schließlich ist die öffentliche Hand laut Vergaberecht zu einer sparsamen und wirtschaftlichen Haushaltsführung verpflichtet. Doch Kommunen müssen Contractingprojekte öffentlich ausschreiben – und die Genossenschaft im Bieterwettbewerb den Zuschlag bekommen. Herbert Köpnick vom Projekt REEG sieht bei Städten und Gemeinden auch Vorbehalte gegenüber Contracting, die Ausschreibung von Contractingmodellen sei Neuland für viele kommunale Beschaffer. Außerdem kann es sich für Kommunen aufgrund der günstigen Kreditzinsen lohnen, Energieeffizienzmaßnahmen selbst durchzuführen, soweit es ihre Kreditlinie erlaubt.

Zudem ist die Vergabe von Contracting-Verträgen in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. In Baden-Württemberg zum Beispiel wird Contracting in der Gemeindeordnung als kreditähnliches Rechtsgeschäft eigenstuft und muss von der Kommunalaufsicht genehmigt werden. Die durchgeführten Investitionen werden auf den Kreditrahmen der Kommune angerechnet. (§87 Abs. 5 GemO. Damit fällt eines der Nutzenargumente der Genossenschaft gegenüber der Kommune weg, dass die Investition haushaltsneutral ist. Einzelne geplante Projekte von Städten mit Energiegenossenschaften hat die Kommunalaufsicht auf Eis gelegt, weil sie darin eine versteckte Kreditaufnahme sah.

REEG – RegionaleEnergieEffizienzGenossenschaften

Das bis Frühjahr 2016 befristete Projekt wird vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative gefördert.

Herbert Köpnick, Projektleiter REEG
herbert.koepnick@nospambaumev.de
www.reeg-info.de  

Text: Rainer Lange, Netzwerk Energiewende jetzt © 2015
Foto: © Kovtoniuk /123RF

 

 

@ 2014 Netzwerk Energiewende jetzt | Links | Impressum | Datenschutzerklärung | Kontakt
Ev. Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft
Dietmar Freiherr von Blittersdorff (Projektleitung)
Kronstraße 40 | 76829 Landau
Tel.: 06341-9858-16 | Fax: 06341-9858-25
info@energiegenossenschaften-gruenden.de