24. März 2015

Mieter mit Solarstrom beliefern

Sonnenenergie vom Dach für Bewohner von Mehrfamilienhäusern. Wie das technisch, rechtlich und wirtschaftlich funktioniert, war Thema eines Workshops der Heidelberger Energiegenossenschaft und des „Netzwerk Energiewende Jetzt“.

Foto: Lange / Netzwerk Energiewende jetzt

Es gibt große Potentiale ungenutzter Dächer bei Mehrfamilienhäusern und gerade Mieter profitieren bisher wenig von PV-Anlagen. Dies waren zwei Gründe für die Heidelberger Energiegenossenschaft eG (HEG), das so genannte Mieterstrommodell zu entwickeln. Für die Genossenschaft war es die Chance, durch den Direktverbrauch höhere Erträge zu erzielen als durch die reine Einspeisevergütung nach EEG. In einem Workshop mit 48 Teilnehmern in Wiesloch – die Mehrzahl aus Energiegenossenschaften – stellte die HEG vor, welche grundlegenden Entscheidungen sie für das Modell getroffen hat.

Auch nach dem EEG 2014 können Anlagen mit Direktverbrauch wirtschaftlich betrieben werden, weil der direkte Verkauf des Stroms im Vordergrund steht“, sagte Nicolai Ferchl gleich am Anfang seines Vortrages. Beim Direktverbrauch wird der Strom direkt im Gebäude ohne Netzdurchleitung geliefert. Dabei fällt zwar seit dem EEG 2014 die volle EEG-Umlage an, doch keine Stromsteuer und netzgebundenen Entgelte.

Günstiger Solarstromtarif

Auf sieben Dächern der Baugenossenschaft „Neuen Heimat“ in Nußloch bei Heidelberg hat die Heidelberger Energiegenossenschaft Solaranlagen errichtet. Die Solarmodule mit einer Fläche von insgesamt über 3000 m² erzielen eine Spitzenleistung von 445 Kilowatt und können circa 370.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen. Damit der Solarstrom auch direkt in den Häusern verbraucht werden kann, bietet die HEG den Bewohnerinnen und Bewohnern der „Neuen Heimat“ einen günstigen Solarstromtarif von 25,4 Cent. Der vergleichbare Arbeitspreis des örtlichen Grundversorgers liegt zwischen 26,78 und 28,83 c/kWh.

Die HEG liefert den Strom vom Dach primär an die Hausbewohner, den überschüssigen PV-Strom speist sie gegen Einspeisevergütung ins Netz ein. Den Reststrom für die Mieter liefert der Ökostromanbieter Naturstrom. Gegenüber den Endkunden tritt die Heidelberger Energiegenossenschaft als Vollversorger auf. Diese haben so nur einen Stromliefervertrag. Außerdem ist kein doppelter Abrechnungsaufwand durch Solarstromlieferant und Reststromlieferant nötig, das reduziert die Kosten.

Für die Genossenschaft beinhaltet die Entscheidung, als Elektrizitätsversorger nach EEG bzw. als Energieversorger nach Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) aufzutreten, eine Reihe von Pflichten. Das sind insbesondere Melde- und Registrierungspflichten. Zudem muss die Genossenschaft die Abrechnung gegenüber den Mieterinnen und Mietern abwickeln. Trotzdem ist das Modell für die Genossenschaft leistbar und attraktiv. „Unter dem Strich beliebt ein Gewinn für die Genossenschaft und die Mieter profitieren von einem günstigen, stabilen Stromtarif“, so Nicolai Ferchl.

Ein Risiko sieht die HEG dann, wenn im Haus zu wenig Kunden den Direktverbrauch nutzen bzw. überwiegend abends Strom verbrauchen. Zudem können die Mieter den Liefervertrag kündigen – die Heidelberger Energiegenossenschaft bietet deshalb faire Preise an.

Besonderes Messkonzept

Entscheidend beim Messkonzept ist das sogenannte Summenzählermodell[1]. Die sei das einfachste und günstigste Modell und stehe auf einer sicheren rechtlichen Basis, so Nicolai Ferchl. Die Anlage kann so direktverbrauchsoptimiert betrieben werden, ein Kundenwechsel ist ohne Umbauten der Zähler möglich.

Mehr Aufgaben - doch neue Projekte

Bei der Versorgung von Mehrfamilienhäusern mit Solarstrom kommen eine Reihe von Aufgaben auf die Genossenschaft zu: Einkauf des Reststroms, Kalkulation des Strompreises, Kundenwechsel, Betrieb der Messstellen, Abrechnung, Mahnwesen, Kundenservice und Kundenwerbung. Die Genossenschaft kann diese selbst abdecken oder sich externe Dienstleister hinzunehmen. Die Heidelberger haben viele der Aufgaben selbst übernommen.

Das Fazit der HEG: Gerade in Städten lassen sich mit dem Modell ungenutzte Potentiale erschließen. „Angesichts der niedrigen PV-Vergütungen nach EEG halten wir Direktvermarktungsmodelle für eine große Chance, weiterhin Photovoltaik-Projekte umzusetzen“, so Andreas Gißler.

Hintergrund

Für das Mieterstrommodell hat die Heidelberger letztes Jahr den deutschen Solarpreis erhalten. Das Pilotprojekt wurde vom Grüner Strom Label gefördert.

Weiterer Workshop

Wegen der hohen Nachfrage planen die Heidelberger Energiegenossenschaft und das „Netzwerk Energiewende Jetzt“ im Herbst einen weiteren Workshop.

 


[1] Beim Summenzählermodell wird zusätzlich zum Erzeugungszähler, der zwischen der PV-Anlage und dem Hausanschluss (Netzübergabepunkt) installiert ist, ein Summenzähler (Zweirichtungszähler) direkt nach dem Netzübergabepunkt platziert. Hinter dem Summenzähler liegen somit der Erzeugungszähler und alle anderen Zähler der Endkunden des Gebäudes. Endkunden, die nicht am Modell teilnehmen möchten, werden mittels kaufmännisch bilanzieller Durchleitung beliefert und mit virtuellen Zählpunkten abgerechnet.

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