11. Juni 2011

„Man muss das regional machen“

Nachhaltige Energieerzeugung in Bürgerhand fördern, das wollen Projektentwickler für Energiegenossenschaften. Mirjam Ulrich über die frisch ausgebildeten Absolventen des dritten Kurses.

Bis zum Atomausstieg Deutschlands wollen sie nicht warten. Das dauert viel zu lange. Außerdem betrachten sie Windparks im Meer und Solarstrom aus der Sahara nicht als geeignete Lösung. „Das ist keine richtige Energiewende“, sagt Ulrich Wendt, Mitinhaber eines Ingenieurbüros in Limburg an der Lahn. „Man muss das regional machen.“ Schon allein aus Gerechtigkeit, ergänzt Iris Degenhardt-Meister. Es gehe darum, die Lasten der Energieproduktion nicht immer nur anderen aufzubürden, sondern das Problem selbst vor Ort zu lösen und die Folgen zu tragen, sagt die Rechtspflegerin und SPD-Stadtverordnete aus dem nordhessischen Wolfhagen.

Energiewende von unten
Ulrich Wendt und Iris Degenhardt-Meister gehören zu den 19 Absolventen der dritten Weiterbildung zum Projektentwickler für Energiegenossenschaften. Das Kursangebot ist bundesweit einzigartig und will die nachhaltige Energieerzeugung in Bürgerhand fördern. „Energiegenossenschaften dienen der Dezentralisierung und Demokratisierung der Energieversorgung, denn sie bieten die Möglichkeit, Bürger zu beteiligen“, erläutert Iris Degenhardt-Meister. Dadurch erhöhten Energiegenossenschaften auch die Akzeptanz der erneuerbaren Energien, fügt der Ingenieur Wendt hinzu. Gerade bei Windkraft stelle sich diese Frage oft. Und nicht zuletzt stärkten Energiegenossenschaften auch die regionale Wirtschaft, sagen beide.

Handfeste Gründe also, um sich für eine Energiewende von unten zu engagieren. Mit der Weiterbildung hat sich Iris Degenhardt-Meister gemeinsam mit zwei Gleichgesinnten gezielt auf die Gründung der „BürgerEnergie-Genossenschaft Wolfhagen“ vorbereitet, die dort 25 Prozent der Stadtwerke übernehmen soll.

Der Kameramann und Kommunikationsgestalter Klaus Theuerkauff aus Kiel will ebenfalls eine Energiegenossenschaft gründen, die Photovoltaikanlagen baut. Die Stadt habe bereits zugesagt, dafür ein Dach mit einer Fläche von 1.500 Quadratmeter kostenfrei zur Verfügung zu stellen, berichtet er. Für die erste Photovoltaikanlage rechnet Theuerkauff mit etwa 250.000 Euro, hinzu kommen nochmals 4.000 bis 5.000 Euro für die Gründung der Genossenschaft. Noch fehle eine Menge Geld. „Aber wir sind guter Dinge“, sagt er, es gebe bereits finanzielle Zusagen von zehn Verbündeten. Die Erfahrungen zeigten, dass es keine Probleme bereite, das Geld zusammenzubekommen. Eher gebe es sogar zu viele Interessenten. Schwieriger sei es, an geeignete Dächer zu gelangen.

Know-how und Praxistipps aus erster Hand
Durch die Weiterbildung bekam er nicht nur einen umfassenden Einblick in das Genossenschaftswesen, die Finanzierung, Vermarktung wie auch in die Solartechnik, sondern er fand in seiner Arbeitsgruppe auch gleich noch vier weitere Gründungsmitglieder. So macht etwa Steffen Walter aus Falkensee bei Berlin jetzt in Kiel mit. „Ich sehe es als unser gemeinsames Projekt an“, sagt der Diplom-Dolmetscher und Übersetzer. Das Kursteam habe konkret daran gearbeitet, häufiger am Telefon konferiert und sich einmal in Kiel getroffen. Dabei habe er auch viel für eine spätere Genossenschaftsgründung in Falkensee oder Berlin gelernt.

Wie alle anderen Teilnehmer lobt Steffen Walter die viermonatige Weiterbildung, die mehrtägige Seminare mit internetgestütztem Lernen kombiniert. „Das ist schon sehr zeitintensiv neben der eigenen Berufstätigkeit, aber es lohnt sich auf jeden Fall“, findet er. Auch die Exkursionen zu Energiegenossenschaften und Technikunternehmen gefielen ihm gut. „Wir haben Praxistipps aus erster Hand und einen Eindruck von der Vielfalt lokaler Lösungen bekommen.“

Solche dezentralen Lösungen vor Ort umzusetzen, sei nun die Aufgabe der Kursteilnehmer, sagt Projektleiter Dietmar von Blittersdorff von der Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft der Evangelischen Kirche der Pfalz. „Zwar gibt es seit der Atomkatastrophe in Japan eine deutliche Entwicklung in Deutschland, aber bestimmte Denkmuster sind noch vorhanden“, stellt von Blittersdorff fest. Es ergebe jedoch keinen Sinn, die Energiewende kapitalintensiv und industriegesteuert zu vollziehen. In dezentralen, regionalen Lösungen liege die Zukunft.

Menschen aktivieren
„Mein Wunsch an Sie ist, dass sie Missionare werden in dem Sinne, dass Sie Menschen aktivieren, sich dort zu engagieren, wo normalerweise nur Konzerne agieren“, gibt auch Günter Böhmer vom Zentrum Bildung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) den Absolventen mit auf den Weg. Die Zentren Bildung und Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN sind Bildungsträger des dritten Kurses. Zum Trägerverbund gehören auch die Deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung e. V. (DEAE) und die innova eG, die sich seit Jahren für genossenschaftliche Neugründungen engagiert. Das rheinland-pfälzische Umweltministerium fördert zudem zwei Jahre lang ein Projekt, um die Projektentwickler und Energiegenossenschaften zu vernetzen und ihnen Unterstützung zu geben, beispielsweise durch regelmäßige Tagungen, Newsletter und Broschüren. So werde demnächst eine „Gründerfibel“ für Energiegenossenschaften erstellt, kündigt von Blittersdorff an.

„Ich denke, wir brauchen für die Energiewende noch weitere Kurse“, resümiert Steffen Walter. „Wenn die Vernetzung passiert, dann entstehen Inseln der Sichtbarkeit. Und irgendwann schließt sich der Flickenteppich.“ [miu]

Kontakte
BürgerEnergie-Genossenschaft Wolfhagen: Iris Degenhardt-Meister, Tel.: 05692-85 17 (privat) sowie Jana Schröder, Stadtwerke Wolfhagen, Tel.: 05692-9963411.

Bürgerenergie Kieler Förde: Klaus Theuerkauff, Tel.: 0431-8060888 und Steffen Walter, Tel.:03322-426113.

 

 

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