17. September 2015

Bewohner in Mietshäusern mit Solarstrom beliefern

Mieter können von PV-Anlagen auf Mehrfamilienhäusern profitieren. Wie das funktioniert, war Thema eines Workshops der Heidelberger Energiegenossenschaft und des „Netzwerk Energiewende Jetzt“

Foto: Lange / Netzwerk Energiewende Jetzt e.V.

Die Potentiale ungenutzter Dächer bei Mehrfamilienhäusern sind hoch. Wie können Mieter davon profitieren und wie lässt sich möglichst viel Solarstrom direkt dort verbrauchen wo erzeugt wird? Und wie kann die Energiegenossenschaft durch den Direktverbrauch höhere Erträge zu erzielen als durch die Einspeisevergütung nach EEG? Die Antwort lieferte die  Heidelberger Energiegenossenschaft eG (HEG) mit dem sogenannten Mieterstrommodell, für dessen Entwicklung sie 2014 den deutschen Solarpreis erhielt. „Direktverbrauch durch die Mieter widerlegt auch das Vorurteil der ungerechten Bürgerenergie“,  so HEG-Vorstand Nicolai Ferchl.

Über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Energiegenossenschaften, Stadtwerken, Unternehmen und Initiativen informierten sich am Wochenende im Workshop „Solarstrom an Mieter liefern“, wie sich das Modell technisch, rechtlich und wirtschaftlich umsetzen lässt. Auch nach dem EEG 2014 können Anlagen mit Direktverbrauch wirtschaftlich betrieben werden, weil der direkte Verkauf des Stroms im Vordergrund steht“, sagte Nicolai Ferchl gleich am Anfang seines Vortrages.

Günstiger Solarstrom

Auf sieben Dächern der Baugenossenschaft „Neuen Heimat“ in Nußloch bei Heidelberg hat die Heidelberger Energiegenossenschaft Solaranlagen errichtet. Die Solarmodule erzielen eine Spitzenleistung von 445 Kilowatt und können circa 370.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen. Damit der Solarstrom direkt in den Häusern verbraucht werden kann, bietet die HEG den Bewohnerinnen und Bewohnern der „Neuen Heimat“ einen günstigen Solarstromtarif von 25,4 Cent. Der vergleichbare Arbeitspreis des örtlichen Grundversorgers liegt zwischen ein und drei c/kWh höher.

Die HEG liefert den Strom vom Dach primär an die Hausbewohner, den überschüssigen PV-Strom speist sie gegen Einspeisevergütung ins Netz ein. Für die Lieferung des Reststroms an die Mieter hat die HEG einen Vertrag mit einem Ökostromanbieter. Ab 2016 sollen die Dachgenossenschaft Bürgerwerke den Reststrom liefern.

Gegenüber den Endkunden tritt die Heidelberger Energiegenossenschaft als Vollversorger auf. Die Mieter haben so nur einen Stromliefervertrag, brauchen keine doppelte Abrechnung.

Auf die Genossenschaft kommen durch die Entscheidung, als Elektrizitätsversorger nach EEG bzw. als Energieversorger nach Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) aufzutreten, neue Aufgaben und Pflichten zu. Das sind insbesondere Melde- und Registrierungspflichten. Zudem muss die Genossenschaft den Reststrom einkaufen, den Strompreis kalkulieren, die Meßstellen betreiben, die Stromabrechnung abwickeln, Kundenservice und Kundenwerbung übernehmen usw. Die Heidelberger decken viele der Aufgaben selbst ab. Eine Alternative sind externe Dienstleister wie die Dachgenossenschaft Bürgerwerke, die z.B. Stromeinkauf, Reststromlieferung und Abrechnung übernehmen Trotzdem ist das Modell leistbar und attraktiv. „Unter dem Strich bleibt ein Gewinn für die Genossenschaft und die Mieter profitieren von einem günstigen, stabilen Stromtarif“, so HEG-Vorstand Andreas Gißler.

Ein Risiko sieht die HEG dann, wenn im Haus zu wenig Kunden den Direktverbrauch nutzen bzw. überwiegend abends Strom verbrauchen. Zudem können die Mieter den Liefervertrag kündigen – die Heidelberger Energiegenossenschaft bietet deshalb faire Preise an.

Besonderes Messkonzept

Entscheidend beim Messkonzept ist das sogenannte Summenzählermodell[1]. Die sei das einfachste und günstigste Modell und stehe auf einer sicheren rechtlichen Basis, so Nicolai Ferchl. Die Anlage kann so direktverbrauchsoptimiert betrieben werden, ein Kundenwechsel ist ohne Umbauten der Zähler möglich.

Mittlerweile setzen auch andere Energiegenossenschaften und Stadtwerke das Mieterstrommodell um. Für die Heidelberger zeigt das: „Angesichts der niedrigen PV-Vergütungen nach EEG halten wir Direktvermarktungsmodelle für eine große Chance, weiterhin Photovoltaik-Projekte umzusetzen“, so Andreas Gißler.

 


[1] Beim Summenzählermodell wird zusätzlich zum Erzeugungszähler, der zwischen der PV-Anlage und dem Hausanschluss (Netzübergabepunkt) installiert ist, ein Summenzähler (Zweirichtungszähler) direkt nach dem Netzübergabepunkt platziert. Hinter dem Summenzähler liegen somit der Erzeugungszähler und alle anderen Zähler der Endkunden des Gebäudes. Endkunden, die nicht am Modell teilnehmen möchten, werden mittels kaufmännisch bilanzieller Durchleitung beliefert und mit virtuellen Zählpunkten abgerechnet.

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