21. Juli 2011

„Die Abnehmer waren sofort dabei“

Hans-Georg von der Decken, Vorstand der Bürgersolargenossenschaft Delmenhorst eG über die Eigenverbrauchprojekte der Solargenossenschaft.

Wo haben Sie Eigenverbrauch realisiert?
Wir haben in der Bürgersolargenossenschaft momentan neun Anlagen mit einer Größe von 337 kWp. Bei drei Anlagen haben wir den Eigenverbrauch realisiert und zwar bei Firmenkunden. Ein Abnehmer ist eine Autolackiererei, ein anderer eine gemeinnützige GmbH, die Langzeitarbeitslose wieder in den Arbeitsprozess eingliedert. Der dritte ist ein Turnverein.

Nützen Sie direkt die Dächer der Abnehmer?
Wir haben die Dächer angepachtet und produzieren direkt auf dem Gebäude der Abnehmer den Strom, damit haben wir die räumliche Nähe. Zu den Nachbargebäuden wäre sie wohl auch noch gegeben, da müssten wir mit dem lokalen Energieversorger die Durchleitung klären. Das hatten wir bisher noch nicht, doch der Energieversorger ist hier sehr kulant.

Wie sieht Ihre Preiskalkulation aus?

Wir haben uns mit den Firmen hingesetzt, gemeinsam die Stromabrechnungen angeschaut und gerechnet. Die Lackiererei und die gemeinnützige Gesellschaft haben einen recht hohen Stromverbrauch und zahlen mit Rabatten zwischen 18 -19 Cent an den Stromversorger. 
Wir haben gesagt, dass wir an den ersten 30 Prozent nichts verdienen wollen aber auch kein Risiko eingehen wollen. Den Preis haben wir so kalkuliert, dass es für uns wirtschaftlich gleich ist, ob wir Volleinspeisung oder Überschusseinspeisung nutzen. So ist es für uns egal, ob die Firma den Strom abnimmt oder der Energieversorger. Wir verdienen am Eigenverbrauch, der 30 Prozent übersteigt, denn von 30-100 Prozent Eigenverbrauch bekommen wir ja vier Cent mehr Erstattung.

Wie viel des erzeugten Stroms verbrauchen die Abnehmer?

Die Anlagen sind so ausgelegt, dass die Autolackiererei im Jahresdurchschnitt etwa 75 % des Stroms abnehmen wird. Da ist bei der Planung wichtig, nicht das ganze Dach mit Solarzellen zuzupflastern, sondern zu schauen, wie viel der Abnehmer braucht und die Anlagengröße entsprechend auszulegen. Der Turnverein verbraucht am Tag über die Hallenbeleuchtung und die Lüftung, die gemeinnützige GmbH hat u.a. eine Tischlerei, die von 8 bis17 Uhr arbeitet. Der Verbrauch der gGmbH wird über 50 % liegen.

Wie haben Sie die Kunden überzeugt?
Das war recht einfach. Wir haben gemeinsam die Stromrechnung genommen und haben geschaut, wie hoch der Stromverbrauch ist und was wir liefern können. Von der ersten Kilowattstunde an des Stroms, der bei uns abgenommen wird, liegen die Ersparnisse am Anfang bei 10 - 15 % pro kWh gegenüber dem örtlichen Stromversorger. Geht man von einer jährlichen Steigerung des Strompreises von 4 bis 4,5 Prozent aus, sparen die Abnehmer im Lauf der Jahre immer mehr. Deshalb waren die da sofort dabei.

Was erwirtschaften Sie mehr?
Insgesamt gehen wir davon aus, dass sich die Anlagenerträge anfangs um 5 -10 % steigern lassen. Dieser Wert wird sich durch Strompreiserhöhungen nach der ersten Festpreisphase dann erhöhen.

Wie haben Sie den Stromliefervertrag gestaltet?
Erst einmal hatten wir niemand, an den wir uns beim Stromliefervertrag wenden konnten. So haben wir selbst einen geschrieben und dann mit der Rechtsabteilung des Genossenschaftsverbandes abgestimmt. Er passt auf eine DIN-A4 Seite.
Wir haben den Vertrag so entwickelt, dass wir den Preis für die ersten drei Jahre festgeschrieben haben. Danach wird geschaut, wie sich der Vergleichspreis des örtlichen Stromversorgers entwickelt hat. Wenn er sich zum Beispiel um zwei Cents erhöht hat, heben wir unseren Preis nur um 1ct an.
Der Vertrag ist auch ganz offen gehalten, mit einer Frist von drei Monaten kann er jederzeit beidseitig gekündigt werden, etwa wenn eine Firma das Gebäude verlässt.

Wie hoch ist Ihr Risiko?

Für uns ist die Eigenverbrauchslösung kein Risiko, weil wir die Anlagen so geplant haben, dass sie sich über den normalen EEG-Einspeisebetrag rechnen. Alles was darüber ist durch die Nutzung des Eigenverbrauchs, ist unser zusätzlicher Gewinn.

Werden Sie weitere Anlagen mit Eigenverbrauch realisieren?

Ich denke, dass wir in der zweiten Jahreshälfte noch ein, zwei Anlagen realisieren können. Die Dächer haben wir schon, wo Strom gebraucht wird. Danach müssen wir halt schauen, wohin die Entwicklung geht.
Bei der Konzeptionierung und Realisierung von Anlagen sollte man die Möglichkeit des Eigenver-brauchs schon jetzt einplanen und auch einrichten. Der Unterschied zwischen einer normalen Dreh-stromzählermessung und einer Zweiwegezählermessung ist hier 17 EURO im Jahr – und ich halte mir die Optionen für den Eigenverbrauch offen. Auch wenn es sich für einen Betrieb heute noch nicht lohnt, weil der Strompreis niedriger ist als den Preis, den wir anbieten können. In zwei, drei Jahren kann das durch die Strompreiserhöhungen schon wieder anders sein.

Wie ist die Bürgersolargenossenschaft entstanden?
Wir sind eine Genossenschaftsbank und sind in Gespräche mit der Stadt Delmenhorst gekommen, die ihre Dachflächen nutzen wollte. Wir haben unser Konzept vorgestellt, das über eine Genossenschaft zu machen und die Bürgerinnen und Bürger einzubinden. Das fand die Stadt sehr gut. Dann haben wir die ersten Dächer mit der Stadt zusammen gemacht, auf einer Schule und der Siedlungsgesellschaft der Stadt Delmenhorst.
Ich interessiere mich auch persönlich für das Thema erneuerbare Energien. Ich habe eine Fortbildung als zertifizierter Fachberater für regionale Energieentwicklungsprojekte gemacht und habe die Finanzierung von Biogasanlagen und Windkraftprojekten mit begleitet.

Das Gespräch führte Rainer Lange
redaktion@nospamenergiegenossenschaften-gruenden.de


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Bürgersolargenossenschaft Delmenhorst eG
Hans-Georg von der Decken (Vorstand)
Mühlenstraße 146  27749 Delmenhorst
Telefon: 04221-930201
E-Mail: vddecken@nospamrvbdel.de
www.rvbdelmenhorst-schierbrok.de/buergersolargenossenschaft



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