08. Juni 2016

„Geschlossenhaft oder Wachstumsgenossenschaft“

Ehrenamt, Nebenamt, Hauptamt: Wie sich Genossenschaften erfolgreich weiterentwickeln war Thema eines Workshops in Heidelberg.

Foto: Lange / Netzwerk Energiewende Jetzt e.V.

Der Einstieg in neue Geschäftsfelder jenseits der Photovoltaik ist für die meisten Genossenschaften herausfordernd. Dabei sind weiterhin zahlreiche Geschäftsmodelle möglich. Wie können Genossenschaften diese erschließen? Welche Formen der Professionalisierung sind möglich? Welche Hürden bestehen und wie können sie überwunden werden? Über 30 Verantwortliche aus Energiegenossenschaften beschäftigten sich am 3. Juni in Heidelberg mit neuen Geschäftsfeldern und der dafür nötigen Professionalisierung. Zum Workshop hatten die Bürgerwerke eG und das Netzwerk Energiewende Jetzt e.V. eingeladen.

Den Auftaktvortrag hielt Matthias Willenbacher, Gründer und ehemaliger Vorstand der juwi AG. Trotz der derzeitigen EEG-Pläne der Regierung zeigte er sich zuversichtlich. „Der Kampf um die Energiewende wird nicht einfacher. Wir haben die besseren Argumente auf unserer Seite.“ Doch sei es wichtig, viele Menschen mit auf den Weg zu nehmen und Ausdauer zu bewahren.

Neue Geschäftsmodelle

Mit der Diversifizierung ihrer Geschäftsbereiche, Kooperationen, weiterer Professionalisierung und dem konsequenten Nutzen ihrer Stärken können Energiegenossenschaften den Wandel in die Zukunft vollziehen. Dies ist das Ergebnis der aktuellen Studie „Geschäftsmodelle von Bürgerenergie-genossenschaften“, die Rainer Lange vom Netzwerk Energiewende Jetzt e.V. vorstellte. Die Studie im Auftrag der Energieagentur Rheinland-Pfalz und des Landesnetzwerks Bürgerenergiegenossenschaften Rheinland-Pfalz e. V. untersuchte u.a. zukunftsfähige Geschäftsmodelle: PV-Direktlieferung, Energiegenossenschaften als Stromversorger, Nahwärme plus, Energieeffizienz und Contractingmodelle sowie Elektromobilität.

Die richtigen Dinge tun

Grundsätzlich gehe es um die Frage „Geschlossenschaft oder Wachstumgsgenossenschaft“, begann Felix Schäfer, Vorstand der Bürgerwerke eG, pointiert seinen Beitrag. Welche Strategie eine Energiegenossenschaft auch verfolgen will, es seien zusätzliche Ressourcen einzuplanen und die eigenen Mitglieder mitzunehmen. Schäfer stellte ein strukturiertes Modell vor, wie Energiegenossenschaften neue Geschäftsfelder entwickeln können: Von der Analyse der eigenen Stärken und Schwächen über das Erkennen der Erfolgsfaktoren bis zur Identifizierung passender Umsetzungswege für die eigene Genossenschaft.

Von Erfolgsbeispielen lernen

Fünf Vorstände bzw. Mitarbeiter stellten die Entwicklung ihrer Genossenschaft vor. Daniel Knoll von der Energeno Heilbronn-Franken berichtete von der Entscheidung der Genossenschaft, die Projektentwicklung in eine eigene Service GmbH auszulagern und dort einen Mitarbeiter – erst Teilzeit – einzustellen. Die Investition lohnte sich, mittlerweile arbeitet Daniel Knoll Vollzeit für die Genossenschaft. Die Servicegesellschaft entwickelt gerade ein größeres PV-Freiflächenprojekt und ein Energieeffizienzprojekt mit einem Unternehmen. Auch die Heidelberger Energiegenossenschaft eG (HEG) hat 2016 zusammen mit den beiden Vorständen eine Gesellschaft gegründet, die Projekte für die HEG entwickeln soll. Gleichzeitig wird die personelle Kontinuität gewährleistet und das Risiko aus der Genossenschaft ausgelagert. Die Energiegenossenschaft Inn-Salzach eG (EGIS) hat 11,5 MWp in drei Projekten realisiert, berichtete Vorstand Pascal Lang. Die EGIS gründete dafür eine Verwaltungsgesellschaft und zwei Betreibergesellschaften für die Solarparks und bezahlt mittlerweile Aufwandsentschädigungen für die Vorstände.

Gemeinsam an der Entwicklung arbeiten

In drei Arbeitsgruppen arbeiteten die Verantwortlichen aus den Genossenschaften an den konkreten Geschäftsfeldern Energieeffizienz, Stromversorgung und Wind. Sie begannen mit einer Stärken-Schwächen-Analyse der eigenen Genossenschaft in den Bereichen Finanzen, Strategie, Organisation, Personal, Positionierung in der Öffentlichkeit und Marktumfeld. Anschließend schätzten sie die Voraussetzungen der Genossenschaft im potentiellen Geschäftsfeld ein: Technologische Kenntnisse wie die Potentialermittlung von Objekten, die Fähigkeit zur kaufmännischen Betriebsführung bis zur Kapitalakquise. Schließlich diskutierten die Arbeitsgruppen, welche personellen Ressourcen für die Entwicklung nötig sind: Die Weiterbildung des eigenen Teams, die Einstellung bezahlter Kräfte und/oder die Zusammenarbeit mit Partnern und externen Dienstleistern.

Stimmen der Teilnehmenden

„Für mich war die Veranstaltung sehr erkenntnisreich“, berichtet Reinhard Knüdeler, Vorstand der Energiegemeinschaft Weissacher Tal eG aus Baden-Württemberg. „Der Erfahrungsaustausch unter den Energiegenossenschaften und die gemeinsame Arbeit an Lösungen sind genau das, was wir brauchen, um in Zukunft erfolgreich die Energiewende in Bürgerhand gestalten zu können. Ich habe viele Inspirationen für unsere Genossenschaft bekommen, die ich in den kommenden Wochen in unsere Genossenschaft tragen werde.“

„Wir konnten in unserer Arbeitsgruppe sehr gut herausarbeiten, dass die Bürgerenergiegenossenschaften sich ihrer Kernkompetenzen bewusst sein und sich darauf konzentrieren müssen“, erläutert Luise Neumann-Cosel, Vorstand der Bürgerenergie Berlin. Weiter berichtet sie: „Wir sind darin übereingekommen, dass es strategische Bündnisse und Partnerschaften wie die Bürgerwerke braucht, damit die Energiewende in Bürgerhand nicht abgewürgt wird.“

Die Veranstalter sehen das Veranstaltungsformat, das auf die Weiterentwicklung von Energiegenossenschaften ausgerichtet ist, grundsätzlich bestätigt. „Die Teilnehmer gehen mit deutlich mehr Klarheit in Bezug auf die anstehenden Aufgaben nach Hause“, sagt Torsten Schwarz, einer der Organisatoren der Veranstaltung. „Wir haben aber auch eine Reihe an Hinweisen und Arbeitsaufträgen erhalten, wo sich wachsende Energiegenossenschaften noch Unterstützung wünschen. Das ist gut so und zeigt den ungebrochenen Optimismus vieler Energiegenossenschaften.“

Fotos: Lange/Netzwerk Energiewende Jetzt e.V.

 

 

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