11. September 2018

Bürgerenergiemodelle durch Professionalisierung und Kooperation

Windkraft kann und soll auch weiterhin in Bürgerhand funktionieren, meint Manuel Wagner von unserem Mitglied, PROKON Regenerative Energien eG.

Foto: Lange / Netzwerk Energiewende Jetzt e.V.

Aktuelle Rahmenbedingungen und Entwicklungen auf dem Windenergiemarkt

Auf mehreren internationalen Klimakonferenzen wurde das Ziel der emissionsfreien Energieversorgung verbindlich beschlossen. Es soll in nationalen Klimaschutzkonzepten umgesetzt werden. Die Reduktion der Treibhausgase (THG) soll durch die Nutzung von erneuerbaren Energien sowie Effizienzsteigerung erreicht werden. Die angestrebte Verringerung um 40 Prozent bis 2020 (Basisjahr 1990!) wird deutlich verfehlt und ist auf eine 55-prozentige Verringerung bis zum Jahre 2030 korrigiert worden. Laut Studien müsste dafür der Anteil der erneuerbaren Stromerzeugung auf 65 % des Bruttostromverbrauchs in Deutschland steigen. Hierbei wird von einem bundesweiten Strombedarf von rund 650 TWh im Jahr 2030 ausgegangen (2017: rund 600 TWh), Sektorenkoppelung und Steigerung der Energieeffizienz sind dabei berücksichtigt. Entsprechend wäre somit erneuerbarer Strom im Volumen von jährlich 420 TWh nötig. Aktuell stellen die regenerativen Energiequellen mit 218 TWh ein Drittel der jährlichen Bruttostromerzeugung, auf die Windenergie entfällt mit 107 TWh/a knapp die Hälfte. Konkret heißt das: Bis 2030 ist die Stromerzeugung durch Erneuerbare Energien zu verdoppeln. Dafür wäre ein jährlicher Zubau von rund 8.150 MW nötig. Der Windenergie ist eine der tragenden Säulen der Erneuerbaren Energien, um das ambitionierte Ziel der Transformation des Energiesystems zu erreichen. Sie wird das auch in Zukunft bei einem ausgeglichenen Energiemix sein. 

Im aufgezeigten Szenario werden den einzelnen Technologien folgende jährliche Zubauzahlen zugewiesen: Windkraft Onshore 3.850 MW/a; Windkraft Offshore 1.200 MW/a;  Photovoltaik 4.750 MW/a und Biomasse/Biogas 300 MW/a. Die durch das EEG vorgegebenen Ausbaupfade hängen dem Bedarf deutlich hinterher und können diesen bei weitem nicht abdecken. Um den Verpflichtungen zur Minimierung der Treibhausgas-emissionen nachkommen zu können, sind in allen Bereichen die Zubauzahlen nach oben zu korrigieren.

Ausschreibungen Wind an Land: Preisverfall, Korrektur und schwierige Prognose

Das in den vergangenen 15 Monaten innerhalb der Windkraftbranchen meist diskutierte Thema war das Ausschreibungsmodell und sein Design im Zuge der Novellierung des EEG 2017. Mit den Ausschreibungen sollte ein Paradigmenwechsel in der Förderung der Erneuerbaren Energien eingeleitet und Vergütungssätze durch den Wettbewerb der Grenzkosten ermittelt werden.

In Kürze kann folgende Entwicklung festgehalten werden: Zuerst fand ein starker Preisverfall der Vergü-tungs- bzw. Zuschlagspreise auf durchschnittlich bis zu 3,82 ct/kWh statt, der auf massives spekulatives Bieterverhalten unter Ausnutzung von Sonderprivilegien von sogenannten Bürgerenergiegesellschaften (BEG) zurückzuführen ist. Der Gesetzgeber hatte den BEG die Privilegien eingeräumt, ohne Genehmigung nach Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG-Genehmigung) und mit einem 54-monatigen Umsetzungszeitfenster Zuschläge erhalten zu können. Die Folge: Klassische Projektentwickler haben sich – getarnt als BEG – Einspeisevolumen im großen Stil gesichert. Die Spekulation auf sinkende Anlagenpreise und größtmögliche Anlagentypen begründeten den Preisverfall in 2017. Kritisch dabei ist, dass derzeit nicht absehbar ist, wie viele der 2017 bezuschlagten Projekte überhaupt eine Genehmigung erhalten und realisiert werden.

Das Bundeswirtschaftsministerium reagierte nach massiver Kritik, indem es die Befreiung einer BImSchG-Pflicht für Gebote von BEG aussetzte und den maximalen Gebotspreis korrigierte. Die „späte Ausschreibung“ nach Genehmigung erhöht die Realisierungswahrscheinlichkeit, die Gebotswerte stabilisierten sich. Die aktuellste Entwicklung brachte in der Mai-Runde 2018 gar eine Unterzeichnung des angebotenen Gebotsvolumens. Somit haben alle teilnehmenden Gebote quasi einen „wettbewerbsfreien“ Zuschlag erhalten. Dies verwundert insbesondere vor dem Hintergrund ausreichender ausschreibungsberechtigter Projekte. Vermutlich hat spekulatives Verhalten, eine offene Nachjustierung des Gesetzes (endgültig BImSchG-Pflicht oder nicht?) sowie die unklare generelle Branchenentwicklung zu einer Verunsicherung der Projektträger geführt. Es wird in der Windkraftszene zudem spekuliert, dass ein großer Teil der bereits genehmigten Projekte freiwillig in ein Umplanungsverfahren hin zu größeren WEA-Typen gegangen ist.

Eine Prognose zu den kommenden Ausschreibungsrunden in 2018 sowie 2019 ist schwierig. Wahrscheinlich wird es wieder ein Abwarten in der Branche geben und die rund 670 MW im kommenden Gebotstermin am 01. August 2018 wenn überhaupt nur knapp überschritten werden - auch wenn Gebote im Umfang von rund 1.300 MW teilnahmeberechtigt sind. Entsprechend dürfte sich der bezuschlagte Maximalwert nahe dem festgelegten Höchstwert von 6,30 ct./kWh einpendeln. Auch dürfte sich der Trend der Abnahme an Bietern mit formaljuristischem Anspruch auf BEG-Privilegien fortsetzen, da der primäre Vorteil - die Befreiung von einer vorliegenden Genehmigung nach BImSchG - ausgesetzt wird und die Nachteile gegenüber etablierten Projektentwicklern überwiegen. Selbst das uniform-pricing verliert bei einer Unterzeichnung der Gebotsmenge bzw. einer überwiegenden Bezuschlagung von Geboten an der Grenze zum festgelegten Höchstgebot an Anreiz. Jedoch hat die Vergangenheit gezeigt, dass durch zum Teil unkonventionelles Verhalten Ergebnisse der EEG-Ausschreibung schwierig zu prognostizieren sind. 

Elementarer Zielkonflikt für Bürgerenergie

Auch bei einer generellen späten Ausschreibung nach Genehmigung bleibt der elementare Zielkonflikt bestehen. Auf der einen Seite eine angemessene Akteursvielfalt zu gewährleisten und gleichzeitig die Vergütungspreise durch einen möglichst harten Wettbewerb zu ermitteln. Gerade letzterer ist für Bürgerenergieprojekte, die sich oftmals nur auf ein Projekt stützen können und vom (Genehmigungs-)Erfolg dieses Projektes abhängig sind, eine große Gefahr. Die Akteursvielfalt droht sich zu verringern.

Neben dem regulatorischen Rahmen gibt es zunehmend planungs- und genehmigungsrechtliche Hürden, die der Umsetzung von Windkraftvorhaben entgegenstehen. Insbesondere auf Länder- und Kommunalebene werden wichtige Weichen gestellt, um den Ausbau der Windkraft steuern zu können. Auf diesen Ebenen kommt es vermehrt zu Entwicklungen, die einen Ausbau der Windenergie deutlich erschweren. Ausgang solcher politischer Ströme sind massive Vorbehalte gegen die Windkraft aus Teilen der Bevölkerung, die sich in Landesgesetzen sowie regionalen und kommunalen Beschlüssen gegen die Windkraft niederschlagen. Häufig wird durch lautstarken und medienwirksamen Protest von Bürgerinitiativen gegen Windkraftprojekte der Diskurs befeuert und werden Angst-Szenarien gezeichnet. Prominentes Beispiel ist die im Rahmen der Länderöffnungsklausel in Bayern verabschiedete 10-H Regelung, die die Umsetzung nahezu aller dortigen Windkraftprojekte blockiert. Ähnliche pauschale Abstandsregelungen zu Siedlungsbebauungen wurden und werden u.a. in Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen diskutiert.

Auffällig ist, dass die Windkraft auf allen politischen Ebenen an Rückhalt verliert, die Mehrheit der Bevölkerung sich jedoch in Umfragen für das Fortsetzen der Energiewende (95 %) im Allgemeinen und für den weiteren Ausbau der Windenergie (83 %) im Speziellen ausspricht (Daten BWE 2017). Somit gibt es eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der Windenergie und der politischen Umsetzung im föderalen System.

Bürgerenergiemodelle in Zeiten wachsender Unsicherheiten

Ist Windkraft angesichts der kritischen Entwicklung noch ein Geschäftsmodell für echte Bürgerenergiegesellschaften und -genossenschaften? Die Ausgangssituation für Bürgerwindprojekte ist aufgrund der langen Planungsphasen sowie hoher Projektvorlaufkosten und -risiken ohnehin schon nicht einfach. Die Situation hat sich durch die aktuellen Rahmenbedingungen und den gestiegenen Wettbewerbsdruck nochmals verschärft. 

Trotzdem soll und darf es einen Rückzug der Bürgerenergie aus der Windkraft, einer tragenden Säule der Energiewende, nicht geben. Die Energiewende gehört weiterhin in die Hände aller Bürgerinnen und Bürger. In Zukunft gilt es Konzepte und Modelle zu finden, die Windkraft in Bürgerhand weiterhin wirtschaftlich sinnvoll und sozialverträglich ermöglichen. Angesichts der steigenden Ansprüche und Erfordernisse des Marktes kann die Antwort aus unserer Sicht nur lauten: Bürgerenergie durch Professionalisierung und Kooperation. 

Eine komplett eigenständige Projektentwicklung durch eine Bürgergesellschaft macht aufgrund der be-schriebenen Risiken und Kosten in den seltensten Fällen Sinn. Dies stellt momentan die größte Hürde für den Einstieg von Bürgerenergiegesellschaften in das Thema Wind dar. So kann eine mögliche Lösung die strategische Kooperation zwischen in der Regel ehrenamtlichen Bürgergesellschaften und professionellen und idealerweise genossenschaftlichen Projektentwicklern sein. 

Die Realisierung eines Windkraftprojekts durch eine Kooperation, z.B. im Rahmen einer Auftragsprojektie-rung, minimiert die finanziellen Risiken für Bürgerprojekte erheblich. Hier übernimmt der Projektentwickler die Kosten und Risiken des Entwicklungsprozesses in der Regel und bringt seine Vorteile wie Einkaufsposition, Skaleneffekte, Knowhow und professionelle Strukturen mit ein. Die Bürgerenergiegesellschaft fungiert in der Entwicklungsphase als Kommunikator und Multiplikator bei Politik, Verwaltung und Bevölkerung und fördert die Umsetzung des Vorhabens. Nach Realisierung bestehen für die Bürgerenergiegesellschaft – je nach Renditeerwartung und Kapitalausstattung – verschiedene Möglichkeiten. Sie erwirbt das Vorhaben, in den meisten Fällen eine gesonderte Projektgesellschaft, in Gänze oder beteiligt sich an ihm. Eine solche „Arbeitsteilung“ zwischen Projektentwicklung und Betrieb bedeutet, dass ein großer Teil der Wertschöpfung im Planungsprozess dem Projektentwickler zukommt. Der größte Teil der Wertschöpfung im Rahmen des Betriebes über 20 Jahre und mehr bleibt in der Region und vor allem in Bürgerhand.

Das Fazit: Windenergie kann und soll auch weiterhin in Bürgerhand funktionieren – durch Professionalisie-rung und Arbeitsteilung im Rahmen von Kooperationen zwischen den beteiligten Bürgern vor Ort und genossenschaftlichen Entwicklern und Dienstleistern – und eben nicht von externen Investoren dominiert werden, deren Motivation einzig die Gewinnmaximierung darstellt. Nur durch eine breite Einbindung der Bürgerschaft lässt sich vermeiden, dass sich Geschichte wiederholt und die Energielandschaft (wieder) den großen Konzernen anheimfällt.

Text:  Manuel Wagner    

Kontakt

PROKON Regenerative Energien eG
Manuel Wagner, Projektentwickler
Tel:  +49 6131 211 65 – 07   
E-Mail:  m.wagner@prokon.net       www.prokon.net  

 

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