02. August 2022

Photovoltaik Eigenstrom für ALLE

Immer mehr Menschen wollen Solarstrom aufs Dach und fragen Energiegenossenschaften an. Was es für das Geschäftsfeld Bau und Verkauf kleiner Anlagen braucht, zeigt das Beispiel der Heidelberger Energiegenossenschaft.

(c) fotolia

Die Nachfrage von Privatpersonen nach einer eigenen Photovoltaikanlage ist enorm, immer mehr Bundes-länder führen eine Solarpflicht für private Neubauten ein, Energiegenossenschaften bekommen vermehrt Anfragen: Doch bisher haben nur wenig Bürgerenergiegenossenschaften (BEGen) dieses Geschäftsfeld im Blick. Die zentrale Frage dabei: Können wir das Geschäftsfeld Planung, Bau und Verkauf von kleinen PV-Anlagen selbst aufbauen – und lohnt es sich?

Die HEG Heidelberger Energiegenossenschaft eG ist eine der BEGen, die für Privatpersonen PV-Anlagen baut und sie an die Dacheigentümer:innen verkauft. Die Tochtergesellschaft der HEG, die „Energie vor Ort (EvO),“ hat 2021 mehr als 30 Solaranlagen gebaut. Die Tochtergesellschaft der Genossenschaft, die Energie vor Ort (EvO), plante bereits große Photovoltaik-anlagen für die Energiegenossenschaft. Dafür wurde in der EvO 2020 ein Projektentwickler eingestellt. Die Frage war nun: Welche Teile der Wertschöpfungskette kann die Genossenschaft selbst umsetzen? 

Eine höhere Wertschöpfungstiefe

Die Planung von der Erstberatung über Angebot, Vertragsschluss bis zum Ortstermin mit Feinaufmaß gehört zu den Kernkompetenzen des angestellten Projektentwicklers. Doch konnte die EvO weitere Teile der Wertschöpfungsstufen abdecken? Die HEG-Tochtergesellschaft begann zuerst, ein eigenes Team für den Bau zu qualifizieren. Doch stellten die Verantwortlichen nach der Installation mehrerer kleiner Anlagen fest, dass erfahrene Montageteams viel schneller Anlagen mit guter Qualität bauen. Die Zielmarke ist hier: 10 kWp inkl. Gerüst im Sommer an einem Tag. Außerdem war nicht klar, wie ein eigenes Bauteam dauerhaft gut ausgelastet werden kann.

Deshalb hat die EvO eine Vereinbarung mit einem Montageunternehmen aus der Region getroffen, das mittlerweile zahlreiche PV-Anlagen für Kund*innen der HEG gebaut hat. Da die Nachfrage nach Bauteams sehr hoch ist, ist die EvO dabei, mit mehreren Unternehmen Kooperationen zu vereinbaren, um nicht von einem Dienstleister abhängig zu sein.

Für die AC-Installation, also die Arbeiten nach dem Wechselrichter wie zum Beispiel der Smart-Meter-Einbau, die Einrichtung des Wechselrichters oder der Netzanschluss der Anlage hat die EvO eine Vereinbarung mit einem örtlichen Elektromeister getroffen. Dieser kann mit festen Aufträgen kalkulieren. Die EvO terminiert den Bau, wenn möglich so, dass mehrere PV-Anlagen kurz nacheinander installiert und dann angeschlossen werden. Zudem hat sich der eigene Projektentwickler zur Elektrofachkraft weitergebildet und führt unterstützende Tätigkeiten selbst aus.

Eine gute Beschaffungsstrategie

Die relativ höchste Wertschöpfung lässt sich beim Einkauf des Materials erzielen, denn hier ist der zeitliche Aufwand für die erzielte Wertschöpfung gering. Deshalb meldete sich die EvO bei den wichtigsten Großhändlern an und bezieht dort Module, Unterkonstruktion, Wechselrichter und Elektromaterial. Das meiste wird direkt auf die Baustellen geliefert.

„Aktuell ist die Beschaffung eine große Herausforderung und zeitintensiv“, sagt HEG-Vorstand Andreas Gißler, der auch Geschäftsführer der Energie vor Ort ist. Material ist nicht verfügbar, Liefertermine werden kurzfristig verschoben, die Preise steigen stark. Die EvO hat deshalb die Beschaffungsstrategie geändert und bestellt z.B. Module auf Vorrat. Die HEG hat der Tochterfirma dafür ein sechsstelliges Darlehen zur Verfügung gestellt. Die Verantwortlichen haben eine Spedition mit Lagerkapazität gefunden, die fristgerecht die Module an die Baustellen liefern kann. Zudem hat die EvO Lagerraum in Heidelberg angemietet, um auch die Bauteile der Unterkonstruktion wie Schienen, Klemmen usw. auf Vorrat zu haben.

Den Vertrieb organisieren

Die Heidelberger Energiegenossenschaft eG ist in der Region durch ihre zahlreichen Projekte und aktive Öffentlichkeitsarbeit bekannt und gut vernetzt. Deshalb war das Gewinnen von Kund:innen über Mitglieder, Empfehlungen und Werbung von Anfang an gut realisierbar. Einen großen Sprung in der Nachfrage gab es durch die ZDF-Sendung plan b im Mai 2021, in der die HEG als Bürgerenergie- Protagonistin vorgestellt wurde. Die Solarpflicht in Baden-Württemberg und der Krieg in der Ukraine haben die Nachfrage in die Höhe schnellen lassen, die Wartezeiten für die Kund:innen werden aktuell länger.

Ein lohnendes Geschäftsfeld

Die EvO beschäftigt seit Sommer 2021 einen zweiten Projektentwickler und seit März 2022 eine Projektassistenz. „Das Geschäftsfeld lohnt sich mittlerweile für uns, wir refinanzieren darüber Personal und entwickeln die Tochtergesellschaft weiter“, sagt Andreas Gißler. Wichtig war und ist, die passenden Partner zu finden und die Prozesse zu standardisieren. Die Risiken bleiben: steigende Preise und die unsichere Liefersituation. „Wir müssen aufmerksam das Marktumfeld im Blick haben, um schnell reagieren zu können.“ Trotzdem ist die EvO gut auf Kurs. Für 2022 war das Ziel 40-50 Privatanlagen (< 10 kWp) zu bauen. Ende August wird wahrscheinlich schon die Marke von 40 kleinen Anlagen geknackt.

 

 

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